Die Welt wird kleiner
Im letzten Jahr zu dieser Zeit habe ich als „Urlaubsberichterstatterin“ der Fische an dieser Stelle über den „Overtourism“ – und wie man ihm begegnen kann – sinniert. Und eigentlich wollte ich dieses Mal darüber schreiben, wie schön „Slow Travel“ sein kann – jene Art des Reisens, die sich auf das bewusste und langsame Erleben konzentriert und nicht auf möglichst viele Stationen und Eindrücke.
Dann habe ich während einer längeren Fahrt ein intensives Gespräch mit meiner Arbeitskollegin Iris geführt. Dabei wurde mir klar, dass für einige Menschen die Welt immer kleiner wird. Dass das Wohin nicht mehr primär aus Vorlieben, Wetter, Verfügbarkeit, Sehenswürdigkeiten, Nachhaltigkeit, Zeit und der Art des Reisens besteht, sondern aus der Frage, wie sicher und entspannt man sich an einem Ort unter den Menschen dort fühlt. Und ist es nicht traurig, dass sich das immer mehr Menschen fragen müssen? Wann ist das passiert?
Wie kann es sein, dass wir heute in einer hochtechnisierten Welt leben, in der wir durch KI die maximale Unterstützung bei vielen Tätigkeiten erhalten, und dennoch nicht in der Lage sind, die rückwärts gerichtete Entwicklung bei uns selbst zu erkennen und zu bekämpfen?
In den letzten zehn Jahren haben wir in Deutschland und der Welt ein nie dagewesenes Umdenken erlebt. Da ist z. B. die weltweite MeToo-Bewegung, die 2017 so richtig ins Rollen kam, oder der Aktionsplan „Queer leben“ der Bundesregierung oder die Aufnahme des dritten Geschlechts in das Personenstandsrecht. Die Fortschritte in puncto Gleichstellung, Fairness, Akzeptanz und rechtlichen Grundlagen waren enorm. Ja, waren. Nun werden in Unternehmen die Stellen für Diversitätsbeauftragte gestrichen, Haltung wird propagiert, aber in der Praxis nicht gelebt, werden Menschen ausgegrenzt und bedroht. Dabei geht es nicht ausschließlich um die geschlechtliche oder sexuelle Orientierung, sondern z. B. auch um Religion oder Herkunft. Die Vielfalt schrumpft, der Hass wird größer.

Wenn wir heute Angst davor haben, in welch rasanter Geschwindigkeit sich KI entwickelt, vergessen wir das Hauptproblem: den Menschen. Die KI wurde von Menschen entworfen, sie wird gefüttert und trainiert mit dem, was Menschen gesagt, geschrieben, fotografiert und in anderen Formen festgehalten haben. Und sie lernt aus ihren Fehlern. Der Mensch hingegen versagt mehrheitlich darin, aus der Geschichte zu lernen, sich daran zu erinnern, was war und nicht mehr sein darf, was erreicht wurde und schützenswert ist. Er pauschalisiert und verurteilt – meist dann, wenn er Dinge nicht kennt oder begreift. Und macht damit die Welt für nicht wenige seiner Mitmenschen viel kleiner, weil sie dorthin gehen müssen, wo sie akzeptiert und respektiert werden.
Und auch hier kommt wieder die KI ins Spiel: Menschen fragen sich schweren Herzens, an welche Orte sie ohne Bedenken reisen können und finden oft erstaunlich wenig konkrete Informationen zu lokalen Gegebenheiten, sondern nur zu bestimmten Ländern. Was würde wohl die KI antworten, wenn man fragt: Wie finde ich heraus, ob ich als Frau, als homosexuelles Paar, als POC, als Christ oder Muslim hier oder dort mit Ausgrenzung, Ablehnung, verbaler oder gar körperlicher Gewalt zu rechnen habe?
Im Idealfall bekommt man eine ausführliche Liste mit Webseiten, auf denen zuverlässige Indizes die Reisebedingungen, die rechtlichen Gegebenheiten und die allgemeine gesellschaftliche Akzeptanz widerspiegeln und Statistiken die Realität dazu abbilden. Hinzu kommen sollten auf jeden Fall Erfahrungsberichte und Bewertungen aus Communities.
So kann Künstliche Intelligenz zwar dabei helfen, dass Menschen hoffentlich einen schönen Urlaub ohne Angst verbringen, sie beseitigt aber nicht das menschengemachte Problem.
Ich habe kein Universalrezept für die Lösung. Ich weiß nur, dass Veränderungen bei einem selbst anfangen und jeder Mensch wichtig ist. Und dass niemand sagen kann: Auf mich kommt es doch nicht an, was kann ich schon ausrichten?
Wir müssen wieder (mehr) mitdenken, umdenken, weiterdenken, mitfühlen, empathisch sein. Machen wir die Welt nicht kleiner als sie ist, für niemanden. Sondern groß und weit für alle.