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Life on facebook Teil I: Listing it


Spätestens seitdem facebook zum globalen Social Network schlechthin avanciert ist, und allein in Deutschland pro Monat Mitgliederzuwächse in sechsstelliger Höhe verzeichnet, hat sich die Diskussion um Datenschutz und Schutz der Nutzer-Persönlichkeitsrechte schon fast zu einer Art Running Gag entwickelt. Möglicherweise auch als Antwort darauf sind zum 31. Mai 2010  zahlreiche Neuerungen in kraft getreten, die es dem gemeinen facebook-Nutzer  ermöglichen, seine Daten so optimal wie möglich zu schützen – wenn er sich die Zeit nimmt, sich durch die unzähligen Privatsphäre-Optionen durchzuklicken. Hauptvoraussetzung dafür: ein Bewusstsein beim Nutzer dafür bzw. die Erfordernis, seine Kontakte zu ordnen, und zu kontrollieren, wer welche Informationen zu sehen bekommt. Das ‚special feature’, dem dabei die größte Bedeutung zukommt, möchte ich heute anhand zweier kleiner Beispiele etwas näher vorstellen.

Ich habe eine Freundin, nennen wir sie mal Sarah. Sarah ist im prüden, überreligiösen Mittleren Westen der USA aufgewachsen, und als sie vor gut 5 Jahren nach Berlin kam, begann in vielerlei Hinsicht ein neues Leben für sie – grade auch, weil sie zum ersten Mal eine Beziehung zu einer Frau hatte, und sich ihr Freundeskreis allein dadurch veränderte. Seit facebook endgültig nicht nur in Deutschland, sondern auch bei Sarahs Familie und Eltern angekommen ist, jongliert sie nicht zuletzt auch deswegen 5 oder 6 verschiedenen Freundeslisten: family, school friends, queer friends, work,… . Denn: Sie hätte ja schlecht die Freundschaftsanfrage ihrer Mutter und ihrer besten Freundin aus der High School ablehnen können. Nach 2 Wochen des Hin- und Herüberlegens legte sie ihre erste Liste an. Auf die Frage, wie sie all diese unterschiedlichen Sarah-Bilder aufrecht erhält, ohne  komplett durcheinander zu kommen oder/und wahnsinnig zu werden, gab sie mir die Antwort „Well, you know, I decided to just post very general stuff, about politics or cooking“. Na wunderbar.

Genaugenommen hält sie sich 1:1 an die in Thomas Hutters facebook-Leitfaden aufgestellte Grundregel, dass man niemals Inhalte veröffentlichen sollte, die man im Zweifelsfall nicht öffentlich publiziert sehen möchte. Die Freundeslisten ermöglichen ihr, gesammelt an Menschen, die sich untereinander kennen, weil sie zusammenarbeiten oder in die gleiche Schule gegangen sind, Nachrichten zu schreiben, oder benutzerdefinierte Status-Updates abzusetzen.  Auf diese Weise kann Berufliches von Privatem effektiv getrennt werden. Dennoch: höchstwahrscheinlich sieht Sarah nicht die inhärente Problematik eines möglichen Doppellebens in dem Ausmaß, wie ich das tue.

Ja, ich bin ein facebook-Junkie – oder, laut facebookBIZ, ein absoluter Hardcore User, der sogar fast dem Durchschnitt entspricht, was Alter, Geschlecht und Bildungsstand angeht. Ich gebe zu: bei mir hat sich mittlerweile eine Art Drei-Klassen-Gesellschaft etabliert.  Wenn ich wirklich private News teilen will, dann sehen das auch nur meine engsten Freunde. Dann  gibt es noch eine generelle Liste, und eine zu Menschen, den ‚far aparts’, die im Grunde gar nichts sehen können, deren Freundschaftsangebote ich aber aus den verschiedensten Gründen nicht ablehnen wollte – weil ich sie mag, sie aber nicht gut genug kenne, weil ich ihnen nicht alles kommunizieren will… Undsoweiter. You get the picture. Mittlerweile gehe ich circa  einmal im Monat meine Freundesliste durch und sortiere neu. Und ja, ich gebe es zu: gut 70% aller Kontakte sind ‚far aparts’, Tendenz steigend.

Manchmal frage ich mich wirklich, wozu die ganze Sache gut ist, und ob sie überhaupt praktikabel ist, wie sie ist. Meine Prämisse beim Anfreunden auf facebook war eigentlich immer, meine facebook-Freunde zu kennen und zu mögen. Seitdem es die Unterteilung der Listen gibt,  sind diese Prinzipien auch bei mir immer weiter aufgeweicht worden.  Jetzt geht es noch mehr darum, wem ich eigentlich vertraue. Für mich wären weitere Listen aber undenkbar weil schlicht unpraktikabel– siehe Sarah. Don’t get me wrong: ich koche auch gerne, und lese leidenschaftlich gerne den Politikteil meiner Tageszeitung. Aber vielleicht presst das social networking die  Wirklichkeit tatsächlich in immer kleinere digitale Schubladen – um mit dieser sich immer weiter ausdefinierenden digitalen Komponente überhaupt klarzukommen.

Fazit: Wenn man sich dazu entscheidet, Teil dieses Systems zu sein, aus welchen Gründen auch immer, dann  sollte man das bewusst tun – sich bewusst schützen, oder eben nicht. There’s no other way. Für weitere Infos empfehle ich neben dem schon genannten Leitfaden auch die etwas kompaktere, 2-teilige Darstellung auf facebookmarketing.de.



Über den Autor

Artikel unserer ehemaligen Kolleginnen und Kollegen. Danke für die tolle Zeit mit Euch!


4 Kommentare



  • Frau K.

    ich bin gespannt auf teil II. :)
    ich “arbeite” lediglich mit zwei listen und sollte es doch mal ein posting geben, dass weder in die eine, noch in die andere kategorie sortiert werden kann, wird schlicht eine “special interest”-liste erstellt.

  • ich versuche wie gesagt den mittelweg. das meiste ist ja ohnehin für alle sichtbar. und bei den bekannten, die sich per se nicht unbedingt für mein leben interessieren, tuts mir eigentlich auch nicht leid, wenn sie nichts sehn. deine foto-policy find ich gut. ich hab den zugriff auf meine bilder und videos mittlerweile auch sehr eingeschränkt.


  • Katze

    Mir sind Listen zu anstrengend, außerdem ist es mir zuwider und zu zeitaufwendig, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen in Listen/Kategorien/Schubladen einzusortieren. My advice: Achte darauf, was du postest. Private Nachrichten gehen bei mir nur per Mail oder direkter fb-Nachricht. Freigaben für Fotoalben und Fotos werden allerdings doch unterschiedlich gegeben, aber eher aus Respekt vor denjenigen, die mit mir auf dem Foto sind :-)