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Das digitale Schuljahr und geistige Erschöpfungszustände


Nächste Woche beginnen in Berlin die Schulferien, und damit neigt sich das erste Schuljahr meiner Tochter und mein erstes Jahr als ihre Projektmanagerin dem Ende zu. Zeit für ein kleines Resümee.

Ich bin reif für die Ferien. Viel reifer als meine Erstklässlerin, die ja erst seit einigen Tagen wieder in den Genuss des Regelunterrichts bei voller Klassenstärke kommt und ohnehin lieber in der Schule als daheim ist (wofür ich natürlich grundsätzlich dankbar bin).

Ich blicke also, wie so viele Eltern, auf das vergangene Schuljahr zurück und frage mich, woher eigentlich meine geistige Erschöpfung rührt. Neben dem Offensichtlichen – wir hatten nicht wenige Wochen im miteinander verschmolzenen Homeoffice und Homeschooling – gibt es da etwas, das erheblich und „on top“ an meinen Nerven gezehrt hat. Vor einem Jahr bin ich zur Projektmanagerin meiner Tochter geworden und arbeite tagtäglich mit einer Fülle digitaler und analoger Tools, die eigentlich dazu da sein sollten, den Eltern einen Überblick zu geben – sei es zum Wissensstand des Kindes, sei es zum Inhalt des Schulranzens. Ich bin von Natur und von Berufs wegen ziemlich gut organisiert, höchst kommunikationsfreudig und digitalaffin. Wenn es aber ein buntes Projektmanagement-Tool, eine Videoplattform (und zwei Alternativen) und zwei Lern-Apps, noch dazu Mails mit Anhängen oder auch ohne – von der Elternvertretung, den Lehrern oder der Schulleitung (manchmal zur Sicherheit doppelt) –, einen Wochenplan zum mehrfachen Ausdrucken (einen zum Behalten, einen zum Mitgeben) sowie ein Kommunikationsheft und eine Kommunikationsmappe gibt, dann, liebe Leute, reicht es selbst mir.

Zu viele Informationen an zu vielen Stellen, die einfach nicht mehr zu bündeln und strukturieren sind, verursachen ein kritisches Gefühl der Überforderung. Dieses äußert sich auch darin, dass man mitten in der Nacht durch eine Meldung des Unterbewusstseins mit dem Gedanken wach wird, dass man die Anmeldung für den Ferienhort vergessen hat. Man kennt das ja aus dem Job: Das kritische Gefühl, dass man den Überblick verloren hat, demotiviert. Demotivierte Eltern sind aber für die Bildungschancen eines Kindes durchaus gefährlich. Schließlich ist es nicht ganz abwegig, dass wir Eltern im Herbst nebenher schon wieder zu ihren Lehrern werden könnten. Und nein, ich fordere nicht mehr Digitalisierung in Schulen. Ich schreie nach Einheitlichkeit, Konsistenz und Konsequenz dabei. Ich will nicht wieder jeden Sonntagabend zwei Stunden lang zwischen fünf verschiedenen Fenstern auf dem Desktop meines Computers hin und her switchend das Wochenprogramm meiner Tochter organisieren müssen – Blätter ausdrucken, Klebezettel befestigen, Notizen schreiben. Wie ist das eigentlich für Eltern, die aus ihrem Arbeitsalltag nicht mit digitalen Tools und ihren gelegentlichen Überschneidungen vertraut sind? Und was ich mir nicht ausmalen mag: Die nicht in einem Job beschäftigt sind, in dem flexible Arbeitszeiten selbstverständlich und eine gesunde Work-Life-Balance der Mitarbeiter oberstes Gut sind? Es muss einfacher gehen! Ein Träumchen: Einfach eine App auf dem Handy. Lasst mich vom Hardcore-Projektmanager wieder zum tumben Consumer werden, dann kann ich mehr Kraft in die schulischen Leistungen meiner Tochter investieren oder einfach nur in Familienausflüge.

Seit Jahren nun schreibe ich über praktische digitale Helfer im Alltag und die komplexe Zusammenführung von Daten aus unterschiedlichen Quellen in einen „Single Point of Truth“, beispielsweise als Basis für Künstliche Intelligenz. Manchmal schreibe ich sogar über Employer Branding, und wie man gute Mitarbeiter gewinnt und bindet. Im letzten Jahr habe ich mich gefühlt wie ein wirklich verzweifelter CTO mit dem dringenden Bedürfnis nach Tool-Hygiene im eigenen Unternehmen (und einem Meditationskurs). Stattdessen bekomme ich sechs Wochen schulfrei.

Nachtrag: Meine Tochter geht auf eine wundervolle Schule mit einem engagierten Lehrerteam, einer besonnenen Leitung und einer tollen Digitalisierungsbeauftragten.



Über den Autor

Celia hat in ihrem früheren Leben für sportliche Unterhosen, Licht-Festivals oder Premium-Jeans PR gemacht. Bei den Frischen Fischen entdeckte die gebürtige Italienerin und studierte Philosophiewissenschaftlerin dann ihre Leidenschaft für knallharte B2B-Kommunikation im Tech-Bereich und arbeitet am liebsten international.


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