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#rp18: Wie sich unser Blick auf die Welt ändert. Und die Welt selbst auch.


Die re:publica entwickelt sich zum Nabel der Digitalisierung – oder zumindest der politischen, gesellschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Interpretation davon.

Heute auf dem Speiseplan: #rp18 #brainfood

Ein Beitrag geteilt von Julie Bruin (@julie_bruin) am


Direkt zum Einstieg der re:publica 2018 skizzierte Danah Boyd in der Opening Keynote, wie Algorithmen die Welt buchstäblich unterlaufen können. Wie etwa rechtsgerichtete Gruppen Reddit und Twitter kapern und so die Live-Berichterstattung über Google während eines Attentats beherrschen. Sie benutzt den Begriff „Culture War“ anstelle von Fake News, weil wir uns einem umfassenden Medium gegenüber sehen, über das Wahrheiten definiert werden – und zwar so lange, bis niemand mehr weiß, was eigentlich wahr und was falsch ist. Am Ende geht es nicht mehr um sachliche Richtigkeit, sondern darum, welcher Expertin oder welchem Experten jede*r Einzelne am Ende glauben möchte. Gleichzeitig beginnen die Algorithmen von Google & Co gesellschaftliche Vorurteile zu spiegeln. Suchmaschinen stufen ausgegebene Ergebnisse als umso relevanter ein, desto öfter darauf geklickt wird. So assoziieren Algorithmen auf Basis unserer Klicks inzwischen Bilder von dunkelhäutigen Menschen mit Kriminalität und spucken bei der Suche nach dem generischen Begriff „Baby“ eine ganze Bilder-Parade von auf Hochglanz gephotoshoppten, hellhäutigen Säuglingen aus.

Autonome Fahrzeuge: Ethische Dilemmata am laufenden Band

Kennt ihr diese Online-Test, bei denen Testpersonen mit Unfallszenarien konfrontiert werden und anklicken sollen, wie sie in der Situation entschieden hätten? Also etwa: Der Fahrende eines Autos sieht, wie sich ein Kind von der Hand der Großmutter losreißt und auf die Straße rennt. Die ältere Dame ist zu langsam, um hinterher zu kommen, das Kind und das Auto zu schnell, um das Unglück noch verhindern zu können. Der Fahrende muss sich nun entscheiden: Fährt sie/er in die Straßenbegrenzung und nimmt den eigenen Tod in Kauf, rettet dafür aber das Leben des Kindes – oder nicht? (Moral Machine zum Selbsttest: hier entlang) Die große Frage, die uns in den kommenden Jahren beschäftigen wird, könnte allerdings lauten: Wie sollen sich autonom fahrende Autos in einer solchen Situation verhalten? Uri Aviv zeichnete in seinem Vortrag „Dude, where´s my autonomous vehicle?“ eine ganze Reihe weiterer sozialer und ethischer Dilemmata rund um selbstfahrende Fahrzeuge. Ganz banal: Wer bekommt in Zukunft eigentlich den Strafzettel, wenn das selbstfahrende Auto zu schnell war? Oder etwas komplexer: Akzeptieren es Menschen, in einer Welt zu leben, in der sie das Gesetz nicht einmal mehr theoretisch übertreten können, weil die autonomen Fahrzeuge sich immer korrekt verhalten? Und werden autonome Fahrzeuge künftig zu einem Ort privaten oder öffentlichen Lebens, in dem wir Zeitung lesen und Kaffee trinken, statt selbst zu steuern?

Wer soll leben?

Die rund drei Millionen Spieler*innen der westlichen Wertewelt der Moral Machine retten übrigens tendenziell eher Frauen als Männer, Babys eher als Erwachsene, moralisch (scheinbar) integre Menschen als Kritisierbarere und setzen Menschen über Tiere. Menschen aus westlichen Staaten entscheiden sich zudem tendenziell dafür, die weniger hohe Anzahl an Opfern zu wählen, wenn sie zwischen zwei Gruppen entscheiden müssen. Konzerne wie Daimler ziehen dem eine neue Ebene ein, indem sie ihre Passagiere priorisieren; frei nach dem Motto, es wird gerettet „wer gerettet werden kann“ (10:13).

Es darf bezweifelt werden, ob Daimler mit dieser Aussage seine Fanbase so richtig verbreitert – und ob die Kurzsichtigkeit dieser Aussage nicht nur aus moralischer, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht zurück schlägt, wenn Auto-Eigentum der Vergangenheit angehört und Share-Modelle die „zurück-priorisierten“ Passanten auf der Straße zu potenziellen Kunden machen.

Filterbubble ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit

Wenn man Bernhard Pörksen fragt, ist das Bild der Filterblase, die uns angeblich in unserem eigenen digitalen und sozialen Meinungskosmos hält, empirisch falsch und auch gesellschaftlich fatal. Im Vortrag Die große Gereiztheit der vernetzten Welt bezeichnete er das Internet als Verstärkungsmaschine für Unterschiede. Und mit Ungleichheit können Menschen offenbar nicht so gut umgehen, wie etwa Tests mit Personen in Flugzeugen zeigen: Als ‚Air Rage’ bezeichnen wir das Phänomen, wenn Menschen in Flugzeugen ausrasten. Eine Studie hat nachgewiesen, dass Menschen auffällig häufig ausflippen, wenn Passagiere der zweiten Klasse beim Einstieg durch die erste Klasse gehen müssen. Oder wenn Passagiere der ersten Klasse der zweiten Klasse beim Einsteigen zuschauen muss. Das Internet hat Pörksen zufolge einen ähnlichen Sogeffekt: Es macht jede Differenz, insbesondere zwischen Armut und Reichtum, gnadenlos sichtbar. Die Transparenz der Differenz und die Unvereinbarkeit der Zustände erzeugt Wut. Den Effekt nennt Pörksen „Filter Clash“. Gäbe es das Internet nicht, würden wir möglicherweise weniger Unterschiede und Perspektiven sehen, weniger Gereiztheit wäre die Folge.

Allerdings liegt es seiner Meinung nach auch an uns, die Potenziale des Netzes besser zu nutzen, anstatt den Filter Clash weiter einfach hinzunehmen. Denn:

  • Jeder Link ist ein Ticket in eine andere Wirklichkeitswelt, die wir nutzen können.
  • Studien zeigen, dass die Informationswirklichkeit, mit der wir online in Kontakt kommen, eher heterogen als homogen ist. Was wir Filterblase nennen, ist nur das Ergebnis unserer Kommunikations- und Informationsstrategien mit dem Wunsch nach Selbstbestätigung.
  • Die Untersuchung von Mark S. Granovetter anhand der Fragestellung „Wie sind Sie auf die Idee eines Jobwechsels gekommen?“ hat gezeigt, dass die Inspiration fast immer von entfernten Bekannten kommt, nur sehr selten aus dem engen Kreis der Vertrauten. „The Strength of Weak Ties“ könnte also die große Stärke des Internets der „schwachen Verbindungen“ sein, denn Online-Bekanntschaften sind zahlreich, oft recht unverbindlich und informativ ergiebig.

Seine These: Um gesellschaftlich besser zu werden, dürfen wir nicht nur über technische Manipulation reden, sondern müssen über menschliche Bestätigungssehnsucht und unser freiwilliges Verharren in Blasen nachdenken.

Die gespaltene Gesellschaft

Ein Erklärung, warum die re:publica noch immer letztlich ein digital-mediales Klassentreffen ist,  besteht sicherlich in dem Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung und Flexibilisierung, der für quasi jede Facette Deutschlands gilt. Die Exklusivität, die die nicht mehr ganz jungen Digitalen vor Ort derzeit noch umweht, könnte aber zunehmend auch Ausdruck einer sich immer weiter und vehementer spaltenden Gesellschaft werden. Dass zunehmend penibel getrennte Wertewelten kollidieren, zeigten die Twitter-Reaktionen reichweitenstarker re:publica-Teilnehmer auf den Info-LKW der Bundeswehr. Die Veranstalter der re:publica hatten die Teilnahme auf dem Gelände, genau wie im Vorjahr, untersagt. Bereits am ersten Tag schlug die Empörung so hohe Wellen, dass sowohl re:publica als auch die Bundeswehr medienwirksam Stellung bezogen.

Bis zum Freitag gipfelte die Auseinandersetzung in zahlreichen 1-Sterne-Bewertungen für die re:publica auf Facebook durch Bundeswehrfans. Parallel umarmten  #reconquistainternet-Unterstützer auf Twitter versehentlich rechte Bots und Bällebadbesucher mussten sich fehlendes politisches Engagement vorwerfen lassen. So wahr die Kritik im Kern in vielen Fällen ist, kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass der Vortrag von Bernhard Pörksen es auf den Punkt bringt: Der Online-Austausch lässt uns beim Blick auf Differenzen möglicherweise ein ganz klein bisschen gereizt werden.



Über den Autor

Andrea studierte Medien und Informationswesen und arbeitete in verschiedenen PR-Agenturen unter anderem mit Immobilien- und Finanzfokus. Aus ihrer Selbständigkeit bringt Sie den Blick für Unternehmensentwicklung mit. Bei den Frischen Fischen konzentriert sie sich auf Online-Marketing-Themen.


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