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Seeding: Ernten wir, was wir säen?

, 05.11.2010,

Als Seeding (also säen) bezeichnet man das (gewerbliche bzw. professionelle) Verbreiten von Inhalten (Videos, Games, Texte, Bilder) auf relevanten Internetseiten. Dies können Blogs, Foren und Portale sein oder Soziale Netzwerke wie Facebook, Myspace und Twitter.

Mittlerweile gibt es Anbieter, die sich – mehr oder wenig offen und mehr oder weniger „korrekt“ – auf diese Art der Verbreitung von Inhalten spezialisiert haben. Eine Branche, der zwangsläufig immer etwas leicht Verruchtes anhaftet. Zum einen vermuten viele (nicht zu unrecht), dass zum Verbreiten von Content (und zum Erreichen von Klickzahlen) jede Menge Fake-Accounts zum Einsatz kommen. Und Vorgetäuschtes aller Art gehört nun mal zu den wirklich lästigen Dingen im Internet. Auf aktuelle Fallbeispiele möchte ich hier aber lieber nicht eingehen.

Zum anderen wird wiederum bei den Systemen, wo reale Personen über ihre echten Blogs oder Accounts Inhalte gegen Bezahlung verbreiten, die Kennzeichnungspflicht von Werbung fast zwangsläufig permanent umgangen. Selbst Google AdSense Anzeigen sind in diversen Blogs ja für Laien nicht immer als solche zu erkennen. Wie soll man da auf die Idee kommen, jemand verbreite ein Video in seinem Blog nicht (nur), weil er es toll findet, sondern weil er (auch) dafür Geld bekommt?

Die Meinungen sind geteilt. Während einige Vertreter – wie z.B. Roland Kühl-v.Puttkamer in einem sehr guten Beitrag im Werbeblogger – jegliche Manipulation vermeintlicher Mundpropaganda ablehnen, hat Seeding-Dienstleister Dan Ackerman Greenberg auf techcrunch seine Arbeit durchaus überraschend offen dargestellt. Er garantiert mit seiner Agentur durch Versendung von E-Mails, Kommentaren und Klicks auf Youtube sowie ein großes Blogger-Netzwerk 100.000 Abrufe für ein Video. Nur dann werde seine Arbeit bezahlt und erst dann sei die kritische Masse erreicht, die ein Video brauche, um sich wirklich von alleine zu verbreiten. Klingt alles andere als sauber? Korrekt! Aber es kommt eben auch auf den Blickwinkel in jedem Einzelfall, vor allem aber auf die Methodik an.

Ist Seeding wirklich unverzichtbar?

Im ersten Augenblick neigt sicher jeder zur Behauptung, dass allein Inhalt und Aufmachung entscheidend sind und sich wirklich gute Videos auch von selbst verbreiten. Wenn eben das Video tierisch lustig, extrem provozierend oder künstlerisch außergewöhnlich wertvoll ist.

Aber ist das wirklich so? Ist es dann nicht interessant, dass wir in der Musik genau das Gegenteil empfinden? Trotz aller Sozialen Netzwerke rund um Musik kennt doch jeder von uns mindestens einen Musiker, der es verdient hätte, erfolgreicher zu sein. Weil er einfach richtig gut ist. Doch in die Charts steigen eben nach wie vor nur die ein, für die die Schallplattenfirma durch intensive Marketing- und PR-Arbeit Airplay bei reichweitenstarken Sendern erreichen konnte. Ohne diesen Anschub schafft es kein Musikstück in die Charts. Und ohne Anschub schaffen es eben auch nur ganz wenige Videos, fünf- oder sechsstellige Klickzahlen zu erreichen.

Und die PR für ein virales Video nennt man neudeutsch halt Seeding und hat nur deshalb nicht automatisch etwas damit zu tun, sich redaktionelle Beiträge zu erkaufen oder mit Fake-Accounts zu arbeiten.

Wie also sieht das ideale Seeding aus und was kostet es?

Das kann man – natürlich – nicht pauschal beantworten. B2C machen Angebote starker und professioneller Seedingpartner aber auf jeden Fall Sinn. Ein extrem bedeutender Partner sind dabei die Videoportale selbst! Das Social Video Network sevenload.com bezeichnet sich als „Deutschlands führenden Anbieter für professionelles Viral Video Seeding“. Das wird schon so stimmen, da sie durch eigene Nutzer und Netzwerke eine sehr hohe Reichweite und ein gutes Targeting liefern können. Der ganz ordentliche Leitfaden “10 Tipps für erfolgreiche Viralspots” von sevenload findet sich hier.

Ein neues und vielversprechendes Angebot bietet das Distributionsnetzwerk shareifyoulike.com, bei dem Nutzer einen kleinen Betrag gutgeschrieben bekommen, wenn sie Inhalte bei Facebook, Twitter oder in Blogs posten. Das geht so lange bis ein vorher festgelegtes Budget der Contentlieferanten (ab ca. 7.000 Euro für Neukunden) aufgebraucht ist. Bisher sind allein 450 Blogger registriert. Ob und wie die Beiträge als “Werbung” gekennzeichnet sind, konnte ich bisher nicht testen. Ob bei 2,- Euro für eine Statusmeldung eine solche Kennzeichnung wirklich zwingend nötig ist, diese Diskussion überlasse ich anderen. Rein instinktiv – das gebe ich zu – war mein erster Gedanke: Man kann’s auch übertreiben. Nach einigem Nachdenken denke ich aber: Doch, eine solche Kennzeichnung muss auch bei Kleinstbeträgen sein.

Neben solchen netzwerkbasierten Lösungen gibt es auch Anbieter, die Inhalte über große E-Mail-Verteiler versenden können und PR-Lösungen, die sehr viel mehr Manpower beanspruchen.

Alle kosten logischerweise Geld. Allgemein sollte man im B2C Bereich auf jeden Fall 10% – 20% der Produktionssumme eines Videos für das Seeding einkalkulieren. Lösungen unter 2.000 Euro (Minimallösung) dürften schwer zu finden sein, realistischer für professionelle Lösungen B2C sind Beträge ab 10.000 Euro aufwärts.

Wer nur eine regionale Kundengruppe anspricht (Händler, Gastronomen, Dienstleister), der sollte nicht nur seinen Videos Lokalkolorit verpassen, sondern auch das Seeding möglichst selbst in die Hand nehmen. Hier gilt es, lokale Foren, Facebookseiten und Blogs zu identifizieren, ausgewählten Stammkunden eine Mail zu schicken und potentielle Multiplikatoren (Blogger, die auch bei Twitter aktiv sind) persönlich anzusprechen. Hier reicht manchmal auch eine Einladung ins eigene Restaurant als Gegenleistung.

Im B2B Bereich sind PR-Agenturen, die über ein gutes Netzwerk zu Fachbloggern und Multiplikatoren verfügen, die besten Partner. Hier ist das Ziel auch nicht, massenhaft Klicks auf ein Video zu erzielen, sondern möglichst die richtigen. Dabei gilt es, die richtigen Multiplikatoren zur richtigen Zeit über das richtige Medium (E-Mail, Blogs, Twitter, XING) zu erreichen.

Gerade B2B werden Webvideos jedoch noch viel zu selten genutzt, egal ob IT-Branche oder Gesundheitswesen. Ich bin kein Experte für das Dentalwesen, aber ich denke, es dürfte möglich ein, Videos zu produzieren, deren Witz nur Zahnärzte verstehen und die sich unter Kollegen verbreiten wie ein Lauffeuer. Ein ideales Instrument für Dentallabore also.

Die Kosten für das Seeding durch eine PR-Agentur hängen von vielen Faktoren ab. Je spezieller eine Agentur aufgestellt ist, desto einfacher hat sie es, die richtigen Multiplikatoren zu identifizieren und desto weniger aufwendig ist auch die Verbreitung von Content.

Die Frischen Fische sind in ihren Spezialgebieten – also (Mobile) Web, IT, E-Commerce, Telekommunikation und Unterhaltungselektronik – hervorragend vernetzt. Nahezu alle Mitarbeiter vom Volontär bis zum Senior Berater twittern und bloggen selbst und sind bei XING und Facebook aktiv. Das erleichtert das Seeding über eigene und externe Kanäle enorm.
Vor allem aber gilt, dass wir nur dann an der Verbreitung eines Videos oder einer Kampagne mitwirken, wenn wir von dessen Qualität überzeugt sind.



Über den Autor

Sebastian ist Creative Director und kommt ursprünglich aus der Musikbranche, wo er sich sehr früh der Arbeit mit social networks gewidmet hat. Bevor er zu den Frischen Fischen stieß, hat der studierte Betriebswirt fünf Jahre für die Mobile Marketing Agentur Goyya Kampagnen konzipiert und betreut.


7 Kommentare


  • Danke Tobias fürs Vorbeikommen und Deine Anmerkungen. Nivhtkommerzielle Virales sind natürlich die etwas leichtere Gattung. Bereits in der Produktion (ANTI-Atomkraft, ANTI-Tierquälerei, ANTI-Gentechnologie oder PRO-Bildungsreform) finden sich einfach viel emotionalere und direktere Aufhänger.

    Aber auch die Verbreitung funktioniert viel besser, da Du einem Gleichgesinnten (z.B. Tierfreunden) viel eher ein Video empfiehlst als ein kommerzielles.

    Siehe dazu auch dieses Video, welches sich in 4 Tagen über 100.000 Mal verbreitet hat.. Trekkie-Fans sind einfach (schnell) zu begeistern..

    http://www.facebook.com/FrischeFische?success=1#!/FrischeFische/posts/177960632215928

    Die große Frage ist, wie man das in die Unternehmenskommunikation einfließen lassen kann.

  • Interessanter Artikel !
    Was dem “Bären-Video-Projekt” zugrunde liegt, ist die Theorie, dass man nur einen einzigen respektierten “Multiplikator” benötigt, um einem Video den notwendigen “Anstuppser” in Richtung virale Verbreitung zu geben. Dass es in diesem Fall tatsächlich funktioniert hat ist sicherlich auch ein irrsinniger Zufall.
    ABER: Es lagen keinerlei kommerzielle Interessen vor (ausser dass ich bei meinem nächsten Besuch in dem dänischen Tierpark gerne ein Eis bekommen möchte, grins…), und auch nur DESHALB hat es Stefan Niggemeier dankenswerterweise als “Flausch am Sonntag” veröffentlicht.
    Wäre mit dem Video irgendeine Werbebotschaft verbunden gewesen hätte er sicherlich davon Abstand genommen.

    Noch ein Aspekt: Jedes Seeding beinhaltet auch die Gefahr einer Verselbständigung bzw. Uminterpretation, auf die man dann keinerlei Einfluss mehr hat.
    Schönes Beispiel:
    http://edwohlfahrt.blogs.com/blogdog/2010/11/eine-pr-firma-im-online-gespräch.html

  • hallo pjotr, das ist natürlich absolut richtig und ich habe auch mittlerweile einige videos gefunden, die durch künstliches seeding auf 100.000 views gepusht wurden, danach aber stagnierten. aber auf die technik, kleine gruppen ganz gezielt anzusprechen, komme ich bestimmt in einem der nächsten beiträge, wenn es mehr um inhalte geht.


  • pjotr

    hm, ein thema fehlt mir noch:

    anzahl der views und kommentare sind kein garant für erfolg. wenn man sich die kommentare unter vielen künstlich hochgepushten videos ansieht, versteht man das ganz schnell. niemand lässt sich gerne zeit stehlen und das sagen die nutzer auch dann. 100.000 viewer von denen ne menge schreiben “crap” “waste of time” “dumb fake” sind ein geringerer erfolgt als 10.000 viewer die alle sagen. “geil!”

    aber das hören die “seeder” nicht gerne :)