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Was bleibt von der re:publica, wenn man im Funkloch steckt?


Auf der Zugstrecke zwischen Berlin und Dresden gibt es – wenn überhaupt – nur stellenweise spärliches Internet. Was mir sonst gehörig auf die Nerven geht, fühlt sich nach drei Tagen re:publica wie eine Vollbremsung an. Nachdem ich zum ersten Mal an Europas größter Digitalkonferenz teilgenommen habe, steht auf einmal der Twitter-Feed still. Ich ziehe Résumé: Was bleibt von den unzählbaren klugen Gedanken über die „digitale Gesellschaft“ wenn ich offline bin?

Ein wahrhafter “long read”: Melvilles Moby-Dick spannt sich über die re:publica19

Es ist kompliziert. Und das wird es bleiben.

Zunächst stelle ich fest, dass die Komplexität von gesellschaftspolitischen Dimensionen des Internets enorm groß ist. Auch nach drei Tagen Digitalkonferenz stehen in meinem Kopf nicht weniger Fragezeichen als zuvor. Dabei lag das Ziel der re:publica unter dem Titel „tl;dr“ (too long, didn’t read) gerade in der Auseinandersetzung mit „der Langform, dem Kleingedruckten, den Fußnoten“, statt der Vereinfachung der Zusammenhänge. Diesem Vorsatz entsprechend bot die re:publica in diesem Jahr ein vollgepacktes und breit gefächertes Programm mit einer Parade hochkarätiger Speaker. Gemeinsam mit fast 20.000 Teilnehmern habe ich versucht, die Langform zu erfassen. Im Nachhinein muss ich allerdings feststellen: Klarheit habe ich nicht gefunden. Vielmehr wird mir mehr denn je bewusst, dass es schier unmöglich ist, die Komplexität digitaler Zusammenhänge zu begreifen. Sobald die eine Frage beantwortet zu sein scheint, ergibt sich bereits die nächste. Ebenso sind technologische Entwicklungen bereits fortgeschritten, wenn wir denken, wir hätten ihre Folgen erfasst.

Doch gerade deswegen erweist sich die Auseinandersetzung mit dem „long read“ als eine absolute Notwendigkeit – auch wenn ich den Eindruck habe, im Hase-und-Igel-Spiel mit der Erkenntnis gar nicht hinterher kommen zu können. Besonders aufgrund des unglaublich hohen Tempos, mit dem sich unsere Welt verändert, braucht es den Willen, komplexe Zusammenhänge zu erschließen. Am Ende der re:publica steht für mich also ein Vorsatz: „too long, still read“.

 

Aktion ist besser als Reaktion

Wenn ich mich mit dem Gedanken abfinde, dass ich die Vielschichtigkeit des Digitalen gar nicht fassen kann, bilden zwei simple und dennoch gehaltvolle Schlüsselsätze mein Fazit der re:publica. Der erste Satz fiel am Ende der Session von Johan Rockström,  Professor am Institute for Climate Impact Research der Universität Potsdam, zum Thema „Safe Future for Humanity on Earth“. Nachdem er eine Stunde lang den aktuellen Stand der Wissenschaft über die bedrückende Lage unseres Planeten schilderte, machte sich ein dumpfes Gefühl der Hilflosigkeit und Bestürzung breit – offenbar nicht nur bei mir. Ein anderer re:publica-Teilnehmer bat Rockström, zum Ende der Session die besorgte Stimmung aufzulösen und uns nicht allzu deprimiert zurückzulassen. Seine Antwort: „Seid nicht deprimiert, sondern seid wütend!“

Diese Reaktion könnte man vielleicht einfach als Sympathie für die Fridays-for-Future-Bewegung abtun, die für einen Klimaforscher sehr naheliegend ist. In meinen Augen lässt sich aber auch über den Klimawandel hinaus ein weiterer wichtiger Aspekt für den Umgang mit den scheinbar überwältigenden Veränderungen unserer Welt erkennen: Hör auf, passiver Betrachter zu sein. Werde aktiv und sorge für Veränderung.

Bernhard Pörksen sprach über Netzpessimismus und das Ideal einer redaktionellen Gesellschaft

Optimistisch in unsere Zukunft

Die Aktivierung, die Johann Rockström in mir auslöste, wurde von Bernhard Pörksen durch eine gehörige Portion Optimismus – oder zumindest weniger Pessimismus – ergänzt. Der Medienwissenschaftler sprach in seinem Talk „Abschied vom Netzpessimismus. Die Utopie einer redaktionellen Gesellschaft“ über die Gefahren von dystopischen Zukunftsszenarien. Seine These: Wer den Niedergang der Demokratie, das post-faktische Zeitalter oder die totale Manipulation durch Technologie überbetont, fördere in erster Linie die Resignation der Gesellschaft und damit die selbsterfüllende Prophezeiung dieser Dystopien. Als Gegenmodell zeichnet Pörksen das Ideal einer redaktionellen Gesellschaft, welche mündig genug ist, die Qualität redaktioneller Beiträge zu erkennen. In erster Linie blieb mir jedoch sein Schlusswort im Kopf: Die Zukunft wird von Menschen gemacht und wir sind die Schöpfer unserer Epoche.(Es ist einer der wenigen Sätze der re:publica, die ich tatsächlich analog notiert habe.)

 

Wütend, aktiv und optimistisch also… ob uns das weiterbringt? Angesichts der Komplexität und Dynamik der digitalen Welt wird das wohl niemand beurteilen können. Für mich dienen diese Aspekte zunächst als Wegweiser für die weitere Auseinandersetzung mit dem „long read“ des Digitalen – zumindest bis zur nächsten re:publica.

 



Über den Autor

Jasmin studierte Communication Management in Leipzig. Bei ihren ersten Ausflügen in den Mobility-Bereich entdeckte sie ihr Interesse für Tech-Themen und landete schließlich bei den Fischen. Wenn sie nicht gerade technologische Entwicklungen kommuniziert, findet man sie (auch mal offline) in der Natur oder bei Konzerten.


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