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Kalter Wind, Mett-Igel, Youporn, BCHH11

, 16.11.2011,

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Am vergangenen Freitag startete ich eine kurze Rundreise durch heimatliche Nord-Gefilde (ich bin an der Unterweser aufgewachsen) mit einem Besuch des Hamburger Barcamps, wo ich überraschend und kurz vor knapp noch auf die Liste der 400 Teilnehmer gerutscht bin. Gleich vorab: Es hat sich absolut gelohnt, dafür spontan die Reiseroute zu ändern. Viele gute Leute getroffen und – für mich das wichtigste bei einem Barcamp – ne Menge Anregungen, Ideen und Fragen mitgenommen.

Meine Ankunft erfolgte mit leichter Verspätung. Auf der Busfahrt nach Brambek sah ich ein so großartiges Beispiel für gelungene Außenwerbung, dass ich noch mal zurück musste… Begrüßung und Sessionvorstellung erlebte ich daher im Türrahmen eingequetscht. Man kann sagen: Es war ziemlich gut besucht. Auch wenn sich schon auf den ersten Blick ein klassisches, männliches Publikum offenbarte, waren doch erfreulich viele Frauen darunter! Und das meine ich nicht im Hinblick auf potentielle Flirts (vom Barcamp-Herzblatt wusste ich nichts und da war ich auch schon längst weg) sondern bezogen auf meine Post-Dmexco-Forderung nach mehr Frauen im Online-Marketing. Wie auch immer: Die Teilnehmer in Hamburg schienen (und waren) sehr sympathisch und sehr gut gelaunt! Und dabei hatte Hamburg mal wieder allerfeinstes Schmuddelwetter (Gegenwind von allen Seiten, Temperaturen knapp über Null) im Angebot. Was doch eine gute Verkostung (Kaffe, Brötchen, Mett-Igel) ausmachen kann 🙂

1. Session Venture Capital

Als erstes besuchte ich die Sesssion von Christian Leybold zum Thema Venture Capital. Ich hatte ihn bisher noch nie getroffen und fand seinen ehrlichen und unaufgeregten Workshop ohne Präsentation und Schnickschnack sehr angenehm, auch wenn sich nicht wirklich viel Neues für mich ergab. In meinen Worten zusammengefasst:

  • Think Big: Wer Risikokapital will, dessen Idee muss nicht nur Profit versprechen sondern vor allem Fantasien wecken. Fans des SC Freiburg sollten über Crowdfunding nachdenken, Fans vom VFL Bochum zuerst mit der lokalen Sparkasse reden. VC-Geber wollen Bayern-Fans
  • Auch bei VC-Gebern laufen Mails an die Info-Adresse ins Leere. Man sollte besser Netzwerktreffen (wie Barcamps) nutzen, um mit anderen Gründern ins Gespräch zu kommen, um so direkte Kontakte zu generieren
  • Es ist typisch deutsch und ziemlich sinnlos, seine Idee um jeden Preis geheim zu halten. Man verschenkt nur wertvolle Kontakte und Zeit, wenn man nicht die Karten auf den Tisch legt
  • Auf meine Frage, ob VC-Geber es gerne sehen, wenn ein Start-Up bereits Beziehungen zu einer PR-Agentur pflege, antwortete er ziemlich trocken, das hinge von der Agentur ab
  • (Hallo an dieser Stelle übrigens an die beiden Start-Upper, die mich im Anschluss angesprochen haben)

2. Session: Youporn regiert die Welt (und keiner merkt´s)

Reißerische Titel ziehen auch bei Barcamps. Keine wusste so genau, worauf Daniela mit ihrer Session hinaus will und so ganz richtig wusste sie das offenbar auch nicht. Gut besucht war es trotzdem.
Das macht Barcamps ja auch irgendwie aus, dass manchmal nur eine Frage oder eine These in den Raum geworfen wird und sich daraus eine Diskussion entwickelt. Hier ging es darum, dass Daniela den klassischen Medien in Deutschland vorwarf, in ihrer Berichterstattung alle Datenschutz-Risiken im (Social) Web auf Facebook zu projizieren und so massiv an einem schlechten Image des Netzwerks arbeiten. Zum Beispiel nutzt Danielas Mutter Facebook deshalb nicht. Gleichzeitig würden mindestens ebenso relevante Risiko-Träger verschwiegen, zum Beispiel Youporn. Vom Traffic her ein fetter Big Player in der Champions League, in der Medienwahrnehmung aber ein unbedeutender Zwerg. Folgende Punkte kamen in der Diskussion unter anderem zur Sprache, um Euch mal einen Eindruck zu vermitteln:

  • Klassische Medien greifen Facebook so stark an, weil es das Netzwerk ist, dass am meisten an den eigenen Werbeeinnahmen kratzt
  • In ihrer Medienwirkung liegen die klassischen Medien weiter klar vorn
  • Klassische Medien hätten in Wirklichkeit mit der Datenspeicherung und dem kritisierten Targeting kein Problem. Sie selber nutzen es bei der Abonnentengewinnung und Anzeigenvermarktung
  • Danielas Mutter nutzt wahrscheinlich auch Youporn nicht, obwohl es nicht in den Medien verteufelt wird
  • Meine Frage, die mich bis jetzt beschäftigt: Was passiert eigentlich mit alten Rechnern von Videobuster und Videoworld, auf denen im Zweifel kompromittierendere Infos über Nutzer gespeichert wurden (und werden) als Facebook und Youporn zusammen? Würde mich nicht wundern, wenn die in irgendwelchen Werkstoffhöfen landeten. Weiß jemand, wie es um den Datenschutz bei Offline-Videotheken aussieht?

3. Session: Warum es völlig OK ist, Fans und Follower zu kaufen

Machen wir es kurz – Diese als “Erlebnis-Session” angekündigte Runde war  ein riesiger Spaß. Ein paar Erinnerungen:

  • “Fans Kaufen” meint auch: Anzeigen schalten, Gewinnspiele organisieren, Barter-Deals (Ich werde Fan von Dir und Du von mir)
  • Es ist OK, weil es verhindert, dass Facebookseiten schon auf den allerersten Blick leer aussehen (Wer geht in eine leere Kneipe?)
  • Es ist zumindest nicht schlimmer als jede andere Art, Beliebtheit vorzugaukeln (Freikarten, Gutscheine)
  • Es ist sehr beruhigend, dass gekaufte Fans keinen Shitstorm verursachen.

Von dieser Session gibt es ein nettes Video, dass – wenn ich es richtig sehe – aufhört, bevor ich die Frage stelle, was denn nun schlimmer (bzw. besser) sei: Gekaufte Fans oder gekaufte Shares. Außerdem sprach ich meine Verwunderung über die vielen Empörungen im Publikum aus. Immerhin saßen fast 70% Social Media Manager im Raum. Von denen erwarte ich wirklich mehr Humor 🙂 Ich habe mir dann übrigens mal die Twitter-Bios einiger Hardcore-Authentizitäts-Vertreter angeguckt und musste doch schmunzeln, wie sehr da auf die Kacke gehauen wird. Nanana, Leute!

http://www.youtube.com/watch?v=1hU1k-LSejw

4. Session: E-Book

Hier ging es um das Thema E-Book-Verkauf bei Amazon. Dem Thema widme ich auch noch einmal intensiver. Folgendes blieb hängen:


  • Das Programmieren und Vermarkten von Apps in Eigenregie hat mehr mit dem Verkauf von eBooks zu tun als der digitale Musikhandel
  • Der Verkauf über Amazon ist etwas verrückt. Es gilt z.B. ie deutsche Buchpreisbindung aber die Lichensteiner Umsatzsteuer.
  • Empfohlen wird eine Tiefstpreis-Strategie – auch bei Fachbüchern
  • Meine Kinder werden Antigone und den Faust nicht mehr als Reclam kaufen müssen. Das musste ich erstmal verarbeiten 🙂

5. und 6. Session: Sportliche Blogger

In der 5.  Session saß ein sehr angenehmer Trupp zusammen, um die Idee eines Sportcamps zu diskutieren, mit der Daniel RehnDavid Philippe und Freunde schwanger gehen. Das interessierte mich, da ich immer schon Themen-Camps besser fand (oder verstand?) und weil Sport in meinem Leben eine sehr gewichtige Rolle spielt. Daniel will und kann die Ergebnisse aber viel besser aufarbeiten als ich. Im Grunde blieb die Besetzung dann auch die selbe, als es in der anschließenden Session um einen Austausch zwischen Bloggern und mit deren Shareholder (Leser, PR, SEO) ging. Das ist doch immer wieder gewinnbringender, wenn man sich nicht nur per Mention, Retweet,  DM, Backlink oder Kommentar unterhält sondern Face2Face.

Leider musste ich danach schon los, verpasste Powerpoint-Karoke und Herzblatt und einen offensichtlich genauso guten Sonnabend. Dafür folgten bei mir drei fast Internetfreie Tage zwischen Deich und Dorfkrug mit alten Freunden. Geht Euch das auch so, dass ausgerechnet die besten Kumpels nicht mal bei Facebook sind, geschweige denn bei Twitter?  Seit Freitag ahne ich ja, wo die sich so im Web rumtreiben.


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Über den Autor

Sebastian ist Creative Director und kommt ursprünglich aus der Musikbranche, wo er sich sehr früh der Arbeit mit social networks gewidmet hat. Bevor er zu den Frischen Fischen stieß, hat der studierte Betriebswirt fünf Jahre für die Mobile Marketing Agentur Goyya Kampagnen konzipiert und betreut.


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