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Weihnachten mit den Fischen: Heiligabend in Thessaloniki – Die ganze Stadt ist ein Lied

, 02.12.2011,

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Dies ist der erste Teil der angekündigten
Blog-Soap "Weihnachten mit den Fischen"

Was ist denn das für ein Lärm da draußen? Viel zu früh am Morgen des Heiligabend 1996 erwachte ich durch dröhnendes Geklangsel von der Straße. Okay, ich war in Thessaloniki, der vielleicht lebendigsten Balkan-Metropole und das geräuschvolle Anpreisen von Gemüse, Möbeln, Wein, Fisch oder Parteien mit Lautsprecherwagen war ich mittlerweile gewohnt. Also die Decke über den Kopf und weiterschlafen.

Ging nicht. Kaum war ein Gedröhn auf Rädern im Schritttempo um die nächste Ecke gebogen, schlich das nächste heran. Worum es bei dem mit etwas Musik gepaarten Lärm ging, war durch die übersteuerten Flüstertüten nicht zu dechiffrieren. Es dauerte wohl eine gute Stunde, bis ich mir die Mühe machte, die Türläden aufzuziehen und auf den Balkon hinauszutreten.

Unter dem Balkon hielt gerade ein schäbiger Pickup mit 8-9 weihnachtsmannbemützten Kindern auf der Ladefläche, die zu mir hochglotzten. Ich glotzte doller zurück, schließlich hatten die Kids an dem Morgen sicher schon andere müde Männer in Schlafwäsche gesehen, ich aber noch nie eine solch ulkige Parade. Da! Ich hatte ein paar Wortfetzen von dem übersteuerten Gequäke verstanden: „Der Weihnachtsmann kommt.“ So so, wenigstens quäkten sie in friedvoller Absicht und es wurde nicht schon wieder das Wasser abgestellt, noch drohte ein Fußballderby zwischen PAOK und Olympiakos.

Als nächstes begriff ich, weshalb die Kinder mich so angestarrt hatten: Vom Nachbarbalkon der Kyria Maria prasselte nämlich eine Handvoll Bonbons und Kleinmünzen auf sie herab, wofür sie artig 3 Sekunden in das Weihnachtsmann-Lied aus dem Lautsprecher einstimmten, um dann die weiteren Balkone zu fixieren. Und so zog bis mittags Wagen um Wagen mit dem gleichen Lärmbrei durch meine kleine Straße. Ein einziges Mal war die Lautsprecheranlage eines Wagens offensichtlich neu oder gewartet und ich erkannte, dass die Melodie dieses Weihnachtslieds ausnehmend hübsch klingen kann:

Leider konnte ich im Web keine wirklich angemessene Aufnahme finden. Sonst nur Fankurvengesänge derselben schönen Melodie aus Fußballstadien.

http://www.youtube.com/watch?v=VSblQuPwEYQ

Als ich mich mittags auf die Straße wagte verzauberte mich das Schauspiel dieses unablässig wiederholten Liedes auf sehr angenehme Art und Weise: Kleine Gruppen von Kindern stürmten mir immer wieder entgegen, umringten mich und huldigten mit ihren niedlichen Stimmen der Ankunft des Weihnachtsmanns. Ein Chor übertraf den anderen und ich spendierte gern meine Münzen. Je später der Nachmittag, desto älter wurden allerdings die Interpreten und so extrovertierter wurden ihre Auftritte. Aber immer dasselbe Lied.

Teilweise wurde mir nur noch die Titelzeile entgegen geschmettert und dann schon die Hand aufgehalten („Ey, der Weihnachtsmann kommt, ey Malaka!“). Oder ein vermeintlich Stummer kam an meinen Tisch im Kaffeehaus, wies Verständnis heischend auf seinen Hals und legte dann ein liebloses Kärtchen mit handschriftlich „Der Weihnachtsmann kommt“ auf meinen Tisch, auf das gerade mal spärliche Musiknoten gekritzelt waren, um mich an den Liedcharakter zu erinnern und erwartete einen Obulus.

Den Vogel schoss jedoch ein älterer Mann ab, der sich mir abends in den Weg stellte: Er hatte einen Kassettenrekorder um den Hals geschnallt und drückte flugs auf ‚Play’, auf dass die ewig selbe Weise vom Band leierte. Ich musste schallend lachen, er nach kurzem Zögern auch und rechtfertigte sich damit, dass er morgens durchaus noch selbst gesungen hätte, aber in seinem Alter würde er es nicht mehr den ganzen Tag durchhalten. Segnungen der Technik!

(Ähnlich skurril ist dieser Interpret für DAS Lied.)


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Über den Autor

Eigentlich ist Jan Philosoph, aber er kommt so selten dazu. Denn es gibt so viele spannende Menschen und andere Dinge, die allermeist mit Technologie zu tun haben. Beim Texten, Beraten und Konzipieren zu Tech-Themen treffen sich die beiden Neigungen dann wieder.


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